fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 23.1.2006 | 12:10 
Netz vs. Musik, Digital vs. Analog, Breaks & Beats vs. Rhymes, Rap vs. Regierung, Me vs. the World.

HansWu, Reiser, Andreas

 
 
The Coldest Winter Ever
  Prelude: Ich glaube, ich weiß jetzt, was Nas mit dem 'New York State Of Mind' gemeint hat. Die letzten zwei Wochen habe ich mich in dieser Stadt verloren und wiedergefunden. Habe zu Sets von ewigen Helden wie Ali Shaheed Muhammad, DJ Spinna oder Jazzy Jeff getanzt und ein paar Zeilen meiner ewigen Platten-Suchliste durchgestrichen. Der einprägsamste Moment hatte allerdings weder mit Clubs noch mit Vinyl zu tun, sondern mit einer Tätigkeit, die New York ja mit inflationärer Häufigkeit zugeschrieben wird: Nicht schlafen gehen. Wenn auch unfreiwillig...
 
 
 
 
 
  Was für ein Kontrast: Hinter mir liegen zwei Stunden an Bord der Underground Railroad, wo Gast-Lokführer Lord Finesse als DJ im heimeligen Studio des freien Radios WBAI allen Anwesenden außerordentliches Hörvergnügen bereitet hat. Vor mir die Häuserschlucht, die sie Wall Street nennen, gefüllt mit kühler klarer Winterluft. Ich gehe die paar Schritte zum Hudson River hinunter und schaue in die Richtung, wo mich der L-Train hoffentlich bald hinführen wird: Brooklyn. Auf dem Weg zur Metrostation fängt es leicht zu schneien an. Beim Umsteigen am Union Square fällt mir wieder ein, dass der L ja wegen Bauarbeiten nur verkürzt fährt. Dann also Shuttlebus, auch egal.
 
 
 
 
 
  Ich stehe vor der Tür zu N's Haus, wo ich diesmal mein Luftmatratzenlager aufgeschlagen habe. Nur: Sie hebt das Telefon nicht ab und die Türklingel zeigt auch keine Reaktion. Verdammt. Mehr Anrufe, mehr Kampfklingeln. Nichts. Schön langsam wird die Kälte der Luft unangenehm. Zwangsoptimist, der ich bin, habe ich nicht mal eine wintertaugliche Kopfbedeckung bei mir, von dekadenten Accessoirs wie Handschuhen ganz zu schweigen. Wie zur Antwort auf die Frage "Was Jetzt?" in meinem Kopf öffnet sich irgendwo ums Eck eine Tür, aus der ein paar Takte Salsa schallen. Sehr gut, die Bars haben ja noch bis vier offen, das gibt mir ein paar Minuten zum Nachdenken. Der Türsteher spricht kein Englisch, ich kein Spanisch. Ein paar Gesten später stehe ich dennoch auf der Tanzfläche. Auch ohne der Hilfe der hoffnungslos angelaufenen Brillengläser fällt mir auf, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Latinas und -nos in ihren besten Gewändern tanzen durch den Raum, mittendrin ich in nasser schwarzer Jacke. Ein Moment, wie ihn sich Robert Rodriguez nicht besser ausdenken hätte können. Der Film in meinem Kopf reißt schnell wieder, als mir ein freundlicher Mann klarmacht, dass die Party privat ist. Zurück ins Freie.
 
 
 
 
 
  Der Schnee ist mehr geworden, der Wind auch. Ich läute wieder, diesmal auch beim Vermieter. Keine Reaktion. Vielleicht ist der Stromausfall vom frühen Abend noch nicht behoben? Neuer Plan: Wieder in den Bus, ein paar Runden fahren und dann weiterklingeln. Bevor ich einsteige, rufe ich die drei New Yorker Nummern an, die ich in meinem Telefon habe, höre aber nur Tonbandansagen. Kurz darauf fahren wir an einem Schild mit zwei magischen Worten vorbei: "Hotel" und "Vacancies". Ich steige aus und stapfe siegessicher durch den Schnee. Die Preistafel vor dem Bushwick Hotel bringt mich wieder auf den Boden zurück. 60 Dollar. Und weiter: "Maximum 4 hours". So sehen also Stundenhotels aus. Zurück zum Bus, zurück zur Türklingel. Auf dem Weg bitte ich den Nachtsecurity des nahegelegenen Krankenhauses um Einlass zur Toilette. Er ist sehr freundlich, ich sehr unterwürfig. Nehme zum ersten Mal in meinem Leben das Wort 'Sir' in den Mund - schmeckt seltsam.
 
 
 
 
 
  Die Türklingel habe ich aufgegeben, das Telefon noch nicht. Der Song auf N's Mobilbox - 'Dreams' von Notorious B.I.G. - bringt mich sonst jedes Mal zum Schmunzeln. Jetzt nervt er. Biggie nervt. Ein schlechtes Zeichen. Ich flüchte vor dem Schneesturm in den Windschatten des Eingangs zur Notaufnahme. Ein paar Minuten später kommt der freundliche Security vorbei und meint, ich könnte mich ruhig reinsetzen. Das Wartezimmer ist warm und grell beleuchtet. Ich bin offensichtlich nicht der Einzige ohne medizinische Notfälle in der Familie hier. Manche schlafen auf den Bänken, andere nutzen das Waschbecken am Klo zur Körperhygiene. In den Fernsehmonitoren über unseren Köpfen richten Heimwerker in Hawaiihemden leicht verfallene Strandvillen wieder her und geben nebenbei nützliche Tipps für Hausbesitzer - angesichts der 'Wohnsituation' einiger Anwesender hier reichlich bizarr. Im Halbschlaf erfahre ich, wie man Bäume richtig einpflanzt und wie man mit Tannenzapfen und Peanut Butter Vögel mästen kann.
 
 
 
 
 
  Sechs Uhr, Schichtwechsel. Die motivierte Morgenschwester erkundigt sich, wer mit welchen Patienten hier ist. Ich nehme den Hinterausgang. An N's Haustür tut sich noch immer nichts. Es ist erstaunlich, wie schnell ein so fundamentales Problem die Prioritäten verschiebt. Eine fehlende Schlafstätte verbannt viele Dinge in die Bedeutungslosigkeit. Noch einmal der Bus, diesmal bereits in Begleitung der Früh-Aufstehen-Müsser, dann der L, einmal Manhattan und zurück. In Williamsburg steige ich aus. Wo es Bars gibt, muss es auch Frühstücksmöglichkeiten geben. Zu Kipferl und heißer Schoko kommt es allerdings nicht mehr - N hat angerufen. Sie klingt verzweifelt. Ich versichere ihr, dass alles in Ordnung ist. Die letzte Fahrt dauert besonders lange und draußen ist es jetzt noch eine Spur kälter, aber das ist alles egal. Ich hoffe nur, dass ich morgen keine Lungenentzündung habe. Nie zuvor hat sich eine Luftmatratze bequemer angefühlt.
 
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick