fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 3.11.2005 | 05:50 
Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

Pamela, BorisJordan, Zachbauer

 
 
Wollita - vom Wollknäuel zum Superstar!
 

"Scharfe Wollmaus, 18 Jahre jung, will dich verwöhnen. Immer bereit."

Eines von vielen kleinen Inseraten in der B.Z. (Berliner Zeitung).
Dieses Inserat hat auch Francoise Cactus gelesen. Und dieses Inserat war eine der Inspirationen für "Wollita" - eine lebensgroße Topflappenhäkelpuppe von Francoise Cactus.
 
 
 
  Ihr Beitrag für die Ausstellung "When Love turns to Poison", die vom 19. März bis 9. Mai 2004 im Kunstraum Kreuzberg in Berlin stattfand.
Mit dieser halbbekleideten Wollpuppe wollte sie "Topflappen-Assoziationen hervorrufen und so gegen die Degradierung von Frauen zu Sexsymbolen kämpfen. ... Die Puppe soll total unerotisch sein."
 
 
 
Wollita kurz vor iher Fertigstellung in der Wohnung von Francoise Cactus.
 
 
  Die ausgestellten Arbeiten, hauptsächlich Gemälde und Videos - und eben die dreidimensionale Wollita - beschäftigen sich mit Liebe, Sexualität und deren dunklen Seiten.
Und wo Liebe und Sexualität ist, da kommt vielleicht noch Nacktheit dazu und da läuft die klassische Konditionierung bei diversen Menschen auf Hochtouren.
Pawlowschen Hunden gleich wird da gesabbert und laut aufgejault.
Die B.Z. und Bild Zeitung sahen in der Ausstellung einen Aufruf zu Kinderschändung, zu sexuellem Missbrauch und überhaupt eine Pornoschau auf übelster Ebene.

Nur um das klarzustellen, diese Deutungen kommen von Zeitungen, die ihre knackigen Girls auf Seite 3 keineswegs mit Balken einschränken, sondern diese vielmehr unzensiert lasziv im zu knappen Bikini (wenn überhaupt) im dreckigen Schilf eines Badesees räkeln lassen und mit viel sagenden Texten ergänzen wie "Diese Bürokauffrau hat ausgefallene Interessen: Neben Pferden liebt sie nämlich auch Autos."
Aber das ist ja auch was anderes.
Das ist ja nicht Kunst, sondern das richtige Leben ...

 "Wollita, Wollita
Außer Kontrolle
Brust, Haut und Haar
Alles aus Wolle"
(Wollita - Außer Kontrolle)
 
 
  Jedenfalls hieß es über Wollita "Eine Puppe mit gespreizten Beinen sitzt am Eingang der Ausstellung. Kinderschützer sind entsetzt." Einfühlsam hat sich dazu selbst die Psychologin der B.Z. einer Analyse hingegeben.
Wollita, die jetzt mit ihrer Biographie an die Öffentlichkeit tritt, meint dazu lapidar, dass es eben für eine Wollhäkelpuppe schwierig sei, ihre Beine übereinander zu schlagen. "Schon wegen der Eigenheiten des verarbeiteten Materials."
Abgesehen davon ist Wollita ja auch nicht nackt, sondern hat ein Höschen an und Ringelsocken, was aber auch damit zusammenhängen kann, dass es im "Wollparadies Fadeninsel" in Kreuzberg nicht genug fleischfarbene Wolle gab ...

 Wollita ist mittlerweile verlobt ...
 
 
 
 
  Was folgt, sind peinliche Aktionen wie ein "Ekel-Anschlag" mit weißen Mäusen, eine von der B.Z. inszenierte Gottesdienststörung oder gar eine Demo von Nazis ("dem ersten Nazi-Aufmarsch in Kreuzberg seit Kriegsende").

Was ebenso folgt, ist ein Interview mit Wollita in der taz, in dem sie breitwillig erklärt "Wollsex ist nämlich im Kommen, das hat Madame Cactus wohl nicht geahnt."
Ebenso folgt der Aufruf verschiedenster Künstler, Autoren und Kulturvermittler, Wollita müsse den B.Z.-Kulturpreis 2005 bekommen. Diese Forderung wird auch bei einer Demo lautstark vorgetragen.

Klingt komisch.
Ist aber so.

 
 
  All das erzählt die mittlerweile 19-jährige Wollita in ihrer Biographie "Wollita - vom Wollknäuel zum Superstar!".
In ihrer naiven, wenngleich charmanten Art erzählt sie aus ihrer noch in Wollsocken steckenden Karriere, träumt von Männern und schwärmt von ihren ersten Erfolgen.

Im zweiten Teil der Biographie beschreibt sie die Freundschaft zu den beiden Tintenfischen Armand und Bruno, die sie im Schwulen Museum in Berlin kennen gelernt hat. ("Dort wird alles gesammelt, was irgendwie schwul ist oder sein könnte.")
Die harmlosen Tuntenfische wissen im übrigen mehr über das Berliner Kulturleben, als etlichen Menschen lieb sein dürfte ...
Es wird ordentlich in alle Richtungen ausgeteilt ...

 
 
Wollita rockt.
  Und zu guter letzt ist dem Buch die erste CD von Wollita beigelegt, "Außer Kontrolle" - in enger Zusammenarbeit mit Stereo Total mit den Liedern:
Außer Kontrolle
Wollita go home
Wollmensch-Maschine
Humans get all the Credit
Je m'apelle Wollita
 
 
 
  Wollita - vom Wollknäuel zum Superstar!
Von Francoise Cactus und Wolfgang Müller.
Erschienen im Martin Schmitz Verlag, Berlin 2005

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick