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Wien | 10.12.2006 | 15:35 
Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

Pamela, BorisJordan, Zachbauer

 
 
Lesestoff: 'Tricks'
 

Warum man seine Zeit besser mit alten erfahrenen Frauen verbringt als mit dem falschen Mann.

"Sometimes it's hard to be a woman", singt Tammy Wynette mit wackeliger Stimme und will den Frauen dieser Welt klar machen, dass sie doch bei ihrem Mann bleiben sollen, ganz egal, was er getan hat.
"Even though he's hard to understand".
Jaja, schon recht. Das Ganze ist an Zynismus kaum zu überbieten, ausgerechnet Tammy Wynette, die immer wieder von ihren Männern verlassen wurde oder diese verlassen hat, jedenfalls war sie fünf Mal verheiratet.
Dennoch stelle ich mir vor, wie die Protagonistinnen in den Erzählungen von Alice Munro ebendieses Lied lauthals beim Duschen singen. Spätestens beim Abtrocknen wissen sie jedoch, dass es sinnlos wäre.
 
 
 
  Auch in den Erzählungen der kanadischen Großmeisterin ist es nicht immer leicht, eine Frau zu sein. Dabei geht es nicht darum, bei einem Mann zu bleiben oder generell um Männergeschichten. Ganz im Gegenteil. Es gibt schließlich auch andere Probleme.

Wir sind in Kanada, wo die Landschaft hart und karg sein kann, das Leben alles andere als ein gemütliches Kaffeekränzchen. Das erfahren auch die Protagonistinnen der acht in "Tricks" gesammelten Kurzgeschichten. Es sind allesamt Frauen, die etwas intelligenter als ihre Umgebung sind, etwas interessierter, etwas sensibler. Eben dadurch werden diese starken Frauen immer wieder geschwächt. Dabei sollen und wollen sie doch ganz einfach durchschnittlich - "normal" sein.

 (don't judge this book by it's cover ...)
 
 
  "Ihre Mutter wollte, dass sie beliebt war, und hatte sie zu diesem Zweck gedrängt, das Schlittschuhlaufen und das Klavierspielen zu erlernen. Sie tat beides weder gern noch gut. Ihr Vater wollte nur, dass sie hineinpasste. Du musst hineinpassen, sagte er immer, sonst wird man dir das Leben zu Hölle machen. Dabei verschwieg er die Tatsache, dass er und namentlich Juliets Mutter selbst nicht sonderlich gut hineinpassten und keineswegs unglücklich waren. Vielleicht bezweifelte er, dass Juliet ebensolches Glück haben konnte."
 
 
 
Beispielsweise
  Juliet ist die Hauptperson in drei Erzählungen. Eine junge Altphilologin, die während einer Zugsfahrt zufällig einen Mann kennen lernt. Dieser Zufall will ihr nicht aus dem Kopf gehen und sie fährt - entgegen ihrer Schüchternheit und ihres Verstandes - zu diesem Mann. Um dort dann so zu leben, wie sie das eigentlich nie wollte: fernab von jeder Wissenschaft mit einer kleiner Tochter, wie man in einer weiteren Erzählung erfährt. Die Tochter heißt bezeichnenderweise "Penelope" und ebendiese verlässt ganz plötzlich ihre Mutter.
Diese drei lose zusammenhängenden Erzählungen wären möglicherweise von anderen Autoren zu einem Roman verarbeitet worden, Alice Munro hingegen bleibt ihrem Genre, der Kurzgeschichte, treu. Während Kurzgeschichten im deutschsprachigen Raum häufig zu Unrecht abschätzig behandelt werden, zeigt Alice Munro konsequent ihre Stärke in dieser, ihrer Erzählform.

 Foto: Jerry Bauer
 
 
Runaway
  "Runaway" heißt das Buch im Original. Wegrennen, alles hinter sich lassen, neu anfangen - diese Option wird durchaus in Erwägung gezogen, selten jedoch auch ergriffen.
Entscheidungen, Täuschungen, Missverständnisse. Bedrohungen, Sehnsüchte, Träume.
Kein Pessimismus, aber eine leise unaufdringliche Traurigkeit durchzieht die Erzählungen. Das sind keine Dramen, sondern Alltag, das Scheitern passiert nebenbei, kaum merklich. Sensibel, aber nicht sentimental.

"Alles an einem Tag zerstört, binnen weniger Minuten, nicht schrittweise, durch qualvolle Kämpfe, Hoffnungen und Enttäuschungen, in dem lang hingezogenen Prozess, durch den solche Dinge für gewöhnlich zerstört werden. Und wenn es stimmt, dass so etwas in aller Regel zerstört wird, ist dann der kurze Prozess nicht leichter zu ertragen? Aber diese Ansicht vertritt man nicht, wenn es um einen selbst geht."
 
 
 
  Es kommt natürlich alles anders als man glaubt.
Ein Happy End im üblichen Sinn gibt es nicht. Was bleibt ist häufig der schale Nachgeschmack nicht getroffener Entscheidungen und verworfener Optionen.
Eben wie im richtigen Leben ...

Alice Munro ist - ich beuge mich ganz weit raus - wohl eine der besten lebenden Schriftstellerinnen. Der Literaturnobelpreis sollte eigentlich nur eine Frage der Zeit sein. Dabei schreibt die 75-Jährige ganz einfach, natürlich, ungekünstelt. Und trifft wahrscheinlich deswegen so genau den Punkt.

"Man muss eben abwägen, wann man sich auf die Hinterbeine stellt und wann nicht."

Und deswegen sei hier klargestellt, dass es allemal besser ist, die großartige Alice Munro zu lesen, als die Zeit mit dem falschen Mann zu verbringen.
 
 
 
  Alice Munro - "Tricks. Acht Erzählungen."
Aus dem Englischen von Heidi Zerning.
S. Fischer Verlag, Frankfurt, 2006.
 
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