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Wien | 22.10.2008 | 16:34 
Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

Pamela, BorisJordan, Zachbauer

 
 
Becks letzter Sommer
  Sex, Drugs, Rock'n'Roll - Ein frustrierter Münchner Gymnasiallehrer und ein musikalischer Wunderknabe aus Litauen. Na bravo.
 
 
 
  Popartbikini in Kombination mit einem "Sommer"-titel auf einem Buchcover - ist nicht so meines. Und der Klappentext von wegen "Liebeskrankem Lehrer, ausgeflipptem Deutschafrikaner und einem musikalischem Wunderkind aus Litauen auf dem Trip ihres Lebens, alternder Rockstar und unsterbliche Songs. Ein Roman über die Musik, die Liebe und das Leben" ... naja, das alles klingt dann doch nach etwas zu viel.

Erst als mir T. das Buch dringend empfiehlt - Wells sei ein großartiger Autor und für ein Debüt sei das ganz außerordentlich, löse ich den Schutzumschlag und beginne zu lesen - schließlich ist auf T., zumindest in derartigen Dingen, durchaus Verlass.

 
 
Tracklist
  Der Roman ist aufgebaut wie eine EP - A-Seite, B-Seite, jeweils vier Tracks. Jeder davon eine Bob Dylan Nummer. Nachdem bereits auf den ersten paar Seiten Joy Division, New Order oder Nick Hornby erwähnt und REM gedisst werden, hat man ziemlich schnell ein ungefähres Bild vom Protagonisten Robert Beck.

Man altert einfach zu schnell, dachte Beck. Einmal kurz weggeschaut, schon war man nicht länger ein junger Leadsänger in einer Band, sondern ein siebenunddreißiger Lehrer an einem Münchner Gymnasium. Nicht gerade der erhoffte Lebenslauf.
 
 
 
  Nein, ganz und gar nicht der erhoffte Lebenslauf. Das einzige was halbwegs gut läuft ist gelegentliches Fußballspielen und regelmäßiger Drogenkonsum. Noch weniger Erfolg wie mit der Musik hat Beck mit den Frauen, Schülerinnen müssen als Wichsvorlage herhalten, an Beziehungen ist nicht im Entferntesten zu denken.

"Die Wahrheit ist, ich hatte ungefähr zehn Beziehungen, die alle nur wenige Wochen gingen - die längste dauerte vier Monate."
"Und wieso immer nur so kurz?"
"Keine Ahnung. Ich glaube, ich hab mich immer unfrei gefühlt, wenn ich fest mit jemandem zusammen war. Ich brauchte Zeit für mich. Aber wahrscheinlich ist es nur die Angst, sich festzulegen. Der Trennungsgrund war jedenfalls immer banal. Ich hab mich, wenn es ernst wurde, jedes Mal wie ein Arschloch benommen. Nur ein einziges Mal hab ich mir tatsächlich überlegt, mit einer zusammenzuziehen ..."
"Die mit den vier Monaten?"
"Genau, die mit den vier Monaten. Ich hab's dann aber doch gelassen ..."

 
 
  Jajaja, da lach ich dann doch laut. Wie erfrischend real sich diese Dialoge doch lesen, denk ich mir und wie kann es sein, dass Benedict Wells, der gerade mal 23 Jahre alt ist, so abgeklärt schreibt? Weil er mit einem ehemaligen Lehrer sehr eng befreundet sei, der eben Mitte 30 und eigentlich ganz lässig, aber eben Beziehungstechnisch völlig daneben und mittendrin in der Midlifecrisis sei. Aber, betont er im Interview, die Geschichte sei dann doch ganz anders geworden, als das Leben dieses befreundeten Lehrers.

Freut mich für den Lehrer, denn was dann an Action in "Becks letzter Sommer" passiert, wäre selbst für den Durchschnittsmünchner nicht fassbar. Das überschlägt sich an Cliffhangern nur so: plötzlich taucht ein musikalisch unglaublich begabter Schüler aus Litauen auf, Rauli, immer schwarz gekleidet, erinnert sehr an Pete Doherty - was aber nur zufällig sei. Beck lernt eine Frau kennen und mehr und mehr lieben und er fährt mit seinem besten Freund und Rauli von München durch Osteuropa nach Istanbul. Liebe, Gewalt und Tod. Aber da sind wir ja schon beim Klappentext.

 Benedict Wells (Copyright (c) Regine Mosimann / Diogenes Verlag)
Benedict Wells, geb. 1984 in München, lebt in Berlin.
Als 16jähriger ist er auch mit dem Auto von München nach Istanbul gefahren - ohne seinen Musiklehrer.
 
 
  Worum es im Leben geht erfahren wir letztendlich vom Meister himself - Bob Dylan lässt uns wissen, dass Hoffnungen und Träume ausleben sollen, um so Erinnerungen zu bewahren.
"Becks letzter Sommer" - großes Kino für ein Debütroman. Und große Thesen über das Alter und den Sinn des Lebens von einem doch noch jungen Autor. Mit seiner Jugend rechtfertigt er seinen lässigen Umgang mit den großen Fragen dieser Welt. "Ich hab schon Angst, dass ich das Buch in zwanzig Jahren in die Hand nehme und dann sage: 'Du kleiner Idiot, was hast du dir bloß dabei gedacht?'."

Möglicherweise wird er sich das auch bei einigen sprachlichen Schwachstellen fragen. Aber dann kann er sich ja denken: "Hey, das war mein Debüt - damals war ich Anfang zwanzig." Und dafür - ja dafür ist es ja dann doch sehr gut.

Benedict Wells: Becks letzter Sommer.
Diogenes, Zürich 2008
 
 
 
Benedict Wells liest
  22. Oktober 19:30h
Zell am See - Steinerwirt

23. Oktober 19:30h
Klagenfurt - Buchhandlung Johannes Heyn

24. Oktober 19:00h
Wien - Thalia Buch & Medien, 1060 Wien

27. Oktober 19:30h
Purkersdorf - Neustadt Galerie
 
 
 
Benedict Wells zum selber lesen
  Das würde ich dann doch aber selber gern lesen.
Wer sich das denkt, umgehend ein mail an game.fm4@orf.at schreibt, mit dem richtigen Namen der Lieblingslehrerin bzw. des Lieblingslehrers in Deutsch und am Freitag, 24. Oktober um 16 Uhr von der Glücksfee gezogen wird, die oder der bekommt eines der drei Exemplare von "Becks letzter Sommer".

(Anm: Ohne deinen Namen und deine Adresse kann die Glücksfee auch nicht arbeiten.)

An dieser Stelle grüßt die Glücksfee herzlich -
vielen Dank für die vielen Einsendungen.
Im Folgenden die drei Lieblingsdeutschlehrerinnen und der Deutschlehrer, der Gewinnerinnen und Gewinner:
B. Jaud-Dollinger
Dr. Hölzl
S. Sutterlütti

viel Vergnügen beim Lesen - Benedict Wells ist ja noch ein paar Tage in Östereich.
 
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