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Wien | 31.10.2008 | 15:21 
Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

Pamela, BorisJordan, Zachbauer

 
 
Prokrastination
 

"Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin." Das ist doch ein Buchtitel, bei dem man gerne zugreift. Kathrin Passig und Sascha Lobo erklären uns wie das mit der Arbeitsaufschieberei so ist.
 
 
 
  Ausgerechnet die beiden, denk ich mir, denn beide haben den schwarzen Gürtel im Sachen-Aufschieben, sind also Experten der "Prokrastination". Das Wort entstammt dem Lateinischen und bedeutet frei übersetzt "auf morgen verschieben", wenn es ein Wort für übernächsten Mittwoch gegeben hätte, dann wäre das wohl treffender, meint Kathrin Passig. Noch besser wäre natürlich übernächsten Monat, aber wir wollen mal nicht übertreiben.

Obwohl Kathrin Passig und Sascha Lobo gern aufschieben, schreiben sie dennoch immer wieder Bücher (Passig zuletzt gemeinsam mit Aleks Scholz das Lexikon des Unwissens, und Lobo gemeinsam mit Holm Friebe 2006 Wir nennen es Arbeit.) und sind regelmäßig u.a. in der Riesenmaschine und Zentralen Intelligenz Agentur tätig. Alles sehr interessant - also habe ich mich durchaus auf das Buch gefreut.

 Bild: Jan Bölsche
 
 
Es war so.
  Ich hab dieses Buch bekommen und es umgehend in meiner Wohnung an einem ganz speziellen Ort so geschickt platziert, dass ich es täglich locker zur Hand nehmen kann. So war zumindest der Plan - die Realität hat mich schwer im Stich gelassen - ich konnte das Buch ganz einfach nicht mehr finden.

Wenn das kein Vorzeichen für "Prokrastination" ist, dachte ich, aber da war es auch schon zu spät, denn das Interview stand an und ich musste Kathrin Passig und Sascha Lobo mit gesenktem Haupt gegenübertreten und nicht nur diese Peinlichkeit erklären, nein, sie auch noch bitten, sie mögen sich doch selbst zu ihrem Buch interviewen.

 
 
Es war gut so.
  Das haben die beiden dann auch äußerst charmant gemacht - sich freundlichst gegenseitig oder auch immer wieder selbst befragt und ebenso geantwortet und mitunter auch exakt das Gegenteil behauptet.
Wenn ich das Buch lesen würde, würde es mir besser gehen, verspricht Sascha Lobo, ob ich danach organisierter wäre, stellt er in Frage. Von dem lasse ich mir das gerne einreden, denn immerhin kann ich mit To-do-Listen umgehen ...
 
 
 
Es ist nicht gut.
  Sascha Lobo führt die seit Jahren - speichert sie organisiert nach Datum ab und stöbert dann und wann gern in älteren um dann festzustellen: 80 Prozent war "unsinniger Scheiß, überflüssig, oder ich wusste nicht mal mehr, was es war." Diese erschreckenden Mischung hat ihm vor Augen geführt, dass er mit "To-do-Listen nur soviel anfangen kann, wie in dem Buch auch steht - nämlich nur dann ein ganz kleines bisschen, wenn weniger als zwei Punkte auf der Liste stehen."
 
 
 
  Aufschiebeprobleme sind Lebensbereichspezifisch. Wohnung aufräumen, Keller ausräumen. Gerade letzteres kann man erfolgreich verdrängen - Kathrin Passig konnte das mit ihrem feuchten mit Sperrmüll angefüllten Kohlenkeller fast 17 Jahre lang. Verfrühter Aktionismus wäre fehl am Platz gewesen. Eines Tages kam ein knapper Anruf des Vermieters - er würde jetzt den Keller räumen lassen - und das würde 25 Euro kosten. Was eine Drohung hätte sein sollen, war eine Erleichterung. Kathrin Passig ist sich natürlich bewusst, dass sie dem Vermieter bzw. der Firma, die das gemacht hat, mehr bezahlen hätte müssen, hätte sich auch gern, v.a. aber kommt sie auf den wichtigen Punkt: "Es ist wichtig, mit welchem Energieaufwand ein Mensch eine Aufgabe erledigt und mit welchem Energieaufwand das ein anderer machen würde. Da geht es schon auch um das allgemeine Energiesparen."
 
 
 
Es ist gut.
  Prokrastination kann durchaus auch im größeren Gesellschaftlichen Kontext gesehen werden, das hätten sie zwar im Buch nicht gemacht, aber - man nehme Wikipedia, erklärt Kathrin Passig: "sicher hat keiner von denen von seinem Chef befohlen bekommen, die nächsten acht Stunden Einträge zu schreiben."
 
 
 
Es ist besser.
  Selbstdisziplin braucht man nur dann, wenn es keinen Zwang von außen gibt - wer in einer Welt voller Zwänge ist - beispielsweise ein stark verschultes Studium - prograstiniert auch viel weniger, erklärt Kathrin Passig: "Wenn man Glück hat, ist man Feuerwehrmann, dann geht die Sirene, man springt man in sein Feuerwehrauto und macht sich an die Arbeit."
 
 
 
Es war so lala.
  Nein, es ist großartig - das Vorwort zum Buch.
Kniefall.
Jetzt hab ich das Buch ja wieder gefunden.



 
 
 
  Katrhin Passig und Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin. Rowohlt·Berlin Verlag, Berlin 2008.

prokrastination.com - das Weblog zum Buch
 
 
 
Im Interviewpodcast
  Ein ausführliches Interview zum Buch von und mit Kathrin Passig und Sascha Lobo gibt es auch im FM4 Interview Podcast.

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