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Wien | 6.11.2008 | 17:28 
Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

Pamela, BorisJordan, Zachbauer

 
 
Marke Eigenbau
  Thomas Ramge und Holm Friebe erklären, warum das Selbstgemachte die Marke der Zukunft ist.
 
 
 
"home-made"
  Am Montag mailt M., sie hätte im Rahmen ihrer landwirtschaftlichen Ausbildung jetzt aus ihren eigenen Biopflanzen diverse Sirupe und Chutneys eingekocht und bietet diese zum Kauf an.
M. weiß gar nicht, dass sie damit an der stärksten Marke des 21. Jahrhunderts mitwirkt, zumindest behaupten Thomas Ramge und Holm Friebe das, aber der Reihe nach.

"Marke Eigenbau" war Jahrzehntelang mit einer gewissen Muffigkeit verbunden. Ein abfälliger Begriff gegenüber improvisierten, zweitbesten Lösungen. Aber: Selbstgemachtes ist sexy, wird zum neuen Statuskonsum, macht das, was früher die großen Lifestylemarken gemacht haben.
So sehen das Thomas Ramge und Holm Friebe und weil die beiden ein gutes Gespür für gegenwärtige Entwicklungen und vor allem darüber hinaus haben, darf man ihre Beobachtungen auch gespannt lesen.

 Thomas Ramge ist Journalist und Moderator. Er arbeitet als fester Autor für das Wirtschaftsmagazin brand eins und schreibt zudem für Die ZEIT und GEO.
(Foto: (c) Catrin Sieger)
 
 
I do it my way
  Auffallendstes Merkmal der neuen "Marke Eigenbau" ist der Schritt aus dem Hobbykeller raus in die freie Marktwirtschaft. Hier wird nicht für die Oma gebastelt, sondern selbstbewusst ein Produkt der Öffentlichkeit angeboten. Dass dies funktioniert, sieht man bei Internetplattformen, die erfolgreich mit selbstgemachten Produkten handeln - wie etwa etsy.com oder DaWanda.com. So erfolgreich, dass Etsy heute Burda gehört, aber das nur nebenbei ...
 
 
 
  Immer mehr Leute stecken neben ihrem Brotberuf viel Zeit in das Selbermachen von Dingen - sei das jetzt analog oder digital, wir denken an wikipedia oder Wikinomics.
Wenn es denn einen Brotberuf gibt, in Zeiten von prekären Arbeitsplatzverhältnissen und der Weltwirtschaftskrise sollte man nicht unbedingt von der Idealsituation ausgehen, werfe ich ein, aber "Prekäre Arbeitsplatzsverhältnisse" scheint ein Reizwort für Ramge und Friebe darzustellen. Das wollen die beiden keinesfalls gleichgesetzt haben mit selbstorganisiertem Arbeiten und beruflicher Selbständigkeit.

Heutzutage hat ein Mensch eben nicht lebenslänglich einen Beruf - Holm Friebe sieht vielmehr die Entwicklung zu einem Brotberuf, und daneben geht man seinen anderen Neigungen mit Professionalität bzw. einem professionellen Anspruch nach.

"Natürlich ist es richtig, dass man Chancen auch ab und zu als Gefahr begreifen muss. Wir sagen im Wesentlichen, man muss Chancen auch ab und zu mal als Chancen begreifen und die Tatsache, dass es heute immer mehr Bereiche gibt, in denen einem niemand mehr die Erlaubnis erteilen muss, irgendetwas anzufangen oder an der man an irgendeinem Türsteher vorbei muss, ist etwas, was sehr viel mehr Leute gefahrlos und risikolos nutzen und ausprobieren können. Wenn diese Botschaft rüberkommt, dann sind wir schon sehr zufrieden."

 Holm Friebe ist Volkswirt, Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur und Mitbegründer der riesenmaschine.de. 2006 verfasste er zusammen mit Sascha Lobo das einflussreiche Manifest "Wir nennen es Arbeit."
(Foto: (c) Catrin Sieger)
 
 
Prosument
  Neben Arbeit ändern sich Produktion und Konsum. Der passive Konsument soll zum aktiven Produzenten werden - Prosument nennen das die beiden. Und der ist interessiert an Fair Trade, an Nachhaltigkeit und an der Geschichte hinter dem Produkt.
Die großen Markennamen sind nicht weiter wichtig, aber an die Stelle von No-logo kommt "My-logo".
 
 
 
My Logo
  Jeder hat sein eigenes Logo. In nicht allzu ferner Zukunft könnte das genauso selbstverständlich sein, wie es heute ein eigenes Blog ist, zeigen sich die beiden überzeugt. "Und diesen Gedanken, der aber nicht von vornherein nur auf Größenwachstum und Erfolg angelegt ist, sondern auf einen auskömmlichen Erwerb und eine existenzsichernde Beschäftigung. Das allein ist schon eine ökonomische Revolution."

 Man beachte die gelungene Coveridee mit eingelaserter Schablone.
 
 
Revolution
  Revolutionär mutet auch der Untertitel des Buches an - "Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion". Der sei allerdings ironisch zu verstehen. Die beiden wünschen sich kein Ende der Massenproduktion von heute auf morgen, aber parallel dazu einen Markt, der anders funktioniert. Ein Markt, der aus Nischen besteht, die signifikante Wachstumsraten haben und in Summe durchaus wichtiger werden können als der Markt für standardisierte Massenprodukte.

 Einzeln von Hand besprüht.
 
 
Die Marke der Zukunft
  Versteht man die Marke Eigenbau als Umbrella Brand, unter der sich viele kleine Marken versammeln und glaubt man an die Vorzüge einer kleinteiligen Wirtschaft mit spontaner Selbstorganisation, könnte das die wichtigste Marke des 21. Jahrhunderts werden, zeigt sich Holm Friebe zuversichtlich: "Es gibt ja immer die Diskussion, welches die wertvollste Marke der Welt ist oder die wichtigste Marke des 21. Jahrhunderts werden wird und wir hätten da einen Kandidaten - wir glauben, die Marke Eigenbau wird die wichtigste Marke des 21. Jahrhunderts sein."

Schön wärs.
Ach ja, liebe M., ich würd dann zwei Gläser Chutney nehmen und eine Flasche von dem Zeug, das sich so gut mit Sekt aufspritzen lässt.

 Mit den Fingerabdrücken zur "Marke Eigenbau".
 
 
So wird jedes Buch ein handarbeitsveredeltes Unikat.
(alle Produktionsfotos (c) Holm Friebe)
 
 
marke-eigenbau.org
  Auf der Website zum Buch marke-eigenbau.org kann man kostenlos selbstgemachte Produkte ausstellen und bewerten.
Das Angebot variiert zwischen soliden Fahrrädern, funktionalen Möbeln, Meerschweinchenhängematten und mundgeblasenen Laserwaffen. Naja. Das hängt weniger von den Autoren als von den Einsendungen ab. Von den Autoren würde ich mir aber eine Linkliste zum Buch wünschen.
Bitte.
Danke.


Holm Friebe/Thomas Ramge: Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2008
 
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